Claus Dethloff: Warum die Leichtathletik neu gedacht werden muss

Claus Dethloff: Warum die Leichtathletik neu gedacht werden muss

Claus Dethloff im Interview: Vom Olympia-Hammerwerfer zum Gründer von Germany Athletics

Dr. Claus Dethloff war zweifacher Olympiateilnehmer im Hammerwerfen, studierte Psychologie und gründete eine erfolgreiche Beratungsfirma. Heute treibt er mit Germany Athletics eine neue Vision für die deutsche Leichtathletik voran.

Im Interview mit Felix spricht er über seinen Werdegang, die Probleme des aktuellen Systems – und warum Freude am Sport die Grundlage für Erfolg ist.

Die sportliche Karriere: Von der Mehrkampf-Vielfalt zum Olympia-Hammerwerfer

Claus Dethloff hatte keinen typischer Hammerwerfer-Werdegang. "Ich habe erstmal alles gemacht", erzählt er im Interview. Alle Disziplinen der Leichtathletik – vom 5000-Meter-Bahnen über Crosslauf bis zum Stabhochsprung. Nur beim Hammerwerfen fand er schließlich die größte "Passgenauigkeit".

In den 90er Jahren gehörte Dethloff zur absoluten Elite: 1992 und 1996 nahm er an Olympischen Spielen teil, 1987 holte er Bronze bei den Junioren-Europameisterschaften in Birmingham. Als Sportsoldat der Bundeswehr verdiente er damals rund 5.000 DM monatlich – durch Startgelder, Vereinsunterstützung und Sportartikelhersteller.

"Hammerwurf ist eine exotische Disziplin", erklärt Dethloff. "Du brauchst einen Wurfplatz – und die gibt es heute kaum noch." Umso mehr freut er sich, dass in Köln-Korweiler kürzlich ein neuer Hammerwurf- und Diskuswurfkäfig eingeweiht wurde. Ein Zeichen, dass auch technische Disziplinen wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen sollen.

Nach dem Sport: Vom Psychologen zum Unternehmer

Parallel zu seiner aktiven Karriere begann Dethloff ein Diplom-Studium in Psychologie an der Universität Köln. "Ich wusste, dass beides möglich ist", sagt er. Nach seiner Promotion in Wirtschaftspsychologie bei den Betriebswirten gründete er eine Analyse- und Beratungsgesellschaft in Köln, deren Geschäftsführer er bis heute ist.

Der Leichtathletik blieb Dethloff trotzdem treu – zunächst ehrenamtlich in verschiedenen Verbandspositionen, später in sportlichen Leitungsfunktionen. "Ich wollte nie aufhören, etwas für die Leichtathletik zu tun", betont er.

Germany Athletics: Die Idee einer Franchise-Struktur

Mit der Gründung von Germany Athletics hat Claus Dethloff eine neue Struktur für die deutsche Leichtathletik geschaffen. Die Kernidee: Athleten in den Mittelpunkt stellen, alle Disziplinen gleichberechtigt fördern und Freude am Sport zurückbringen.

Dethloff beschreibt die Herausforderung klar: "Wir haben ein System im organisierten Sport, was an vielen Ecken und Kanten eher für die Athleten demotivierend ist. Zu viele springen vom Zug ab, und unten springen zu wenige auf." Das Problem: Der Spaßfaktor, die Freude am Sport sei in vielen Bereichen verloren gegangen.

Die drei Säulen von Germany Athletics:

1. Alle Disziplinen gleichberechtigt fördern

"Unser Ziel ist es, alle Disziplinen zu füttern und zu unterstützen – Sprint, Wurf, Gehen, Ultralauf, Trail, Berglauf", erklärt Dethloff. Germany Athletics hat sogar eine Kooperation mit der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung (DUV) geschlossen, um auch Nischenbereiche abzudecken.

2. Nationale Wettkampf-Kultur stärken

Dethloff kritisiert, dass es in Deutschland zwar einzelne Veranstaltungen gibt, aber kein kohärentes Konzept: "Wir haben es versäumt, in deutschen Stadien Wettkämpfe anzubieten, wo wir wirklich Fans haben – nicht nur Verwandte und Betreuer." Seine Vision: Eine Liga-Struktur mit regelmäßigen, attraktiven Wettkämpfen, die Zuschauer begeistern.

3. Athleten unterstützen, die durchs Raster fallen

Ein Beispiel nennt Dethloff konkret: Eric Hille. "Er performt, könnte international eingesetzt werden – aber wird vom DLV mit einem langen Finger verhungert", sagt Dethloff. Genau solche Athleten will Germany Athletics auffangen: "Diese Athleten, die sich privat den Arsch aufreißen für ihren Sport, verdienen Unterstützung – nicht Steine in den Weg gelegt."

Erfolge und Kritik: Der Umgang mit Widerstand

Dethloff wusste von Anfang an, dass Germany Athletics auf Widerstand stoßen würde. "Veränderung ist immer ein bisschen bedrohlich für viele", sagt er diplomatisch. Was ihn überrascht hat: "Viele Menschen sind mit Halbwissen oder Nullwissen einfach dagegen. Sie wissen gar nicht, wogegen sie sind – aber sie sind dagegen."

Trotzdem sieht er klare Erfolge: Mohammed Abdi Lai, der bei Cologne Athletics trainiert, hat seit seinem Wechsel vier deutsche Rekorde aufgestellt. "Wir schaffen entsprechende Rahmenbedingungen, die genau das ermöglichen, was sich die Athleten wünschen", betont Dethloff.

Auf die Frage, ob er sich als "Revolutionär" sehe, reagiert er gelassen: "Ich habe das nie so gesagt. Aber die Überschriften kann ich nicht kontrollieren. Hauptsache, wir haben Interesse daran, über die Sache nachzudenken und nicht zu schweigen."

Freude am Sport: Der Schlüssel zum Erfolg

Was Dethloff am meisten motiviert, ist nicht Medaillensammeln, sondern etwas Grundlegenderes: Freude am Sport.

"Wir haben mit viel Freude und Spaß die Sportart gelebt, von Beginn an", erinnert er sich an seine aktive Zeit. "Wir waren das lauteste Organ in der Halle im Winter. Wir haben Stimmung gemacht, einen Schlachtruf ausgedacht." Dieser Spaßfaktor sei heute oft verloren gegangen.

Ein konkretes Beispiel: Bei den NRW-Meisterschaften lief Mohammed Abdi Lai 1500 und 3000 Meter. "Da kamen Eltern und Kinder und waren froh, dass mal so ein Top-Athlet auf dem gleichen Wettkampf mitläuft", erzählt Dethloff. Diese Vorbildfunktion, diese Inspiration – das ist es, worum es ihm geht.

Die Vision: Deutschland wieder zur Leichtathletik-Nation machen

"Mein Fokus ist gar nicht der internationale, sondern der nationale", stellt Dethloff klar. Er will keine unrealistischen Olympia-Versprechen machen, sondern realistisch ansetzen: Deutschland als Leichtathletik-Nation im eigenen Land stärken.

"Wir haben so viel Zuspruch für die Sportart – Beliebtheit hinter Fußball auf Platz zwei. Aber wir haben es versäumt, im eigenen Land etwas daraus zu machen", kritisiert er die Verbandsarbeit der letzten Jahre.

Die Lösung sieht Dethloff in einer Liga-Struktur: "In zwei, drei oder vier Jahren sollte es bei jedem Ligadurchgang eine Präsenz geben." Regelmäßige, hochwertige Wettkämpfe, die Fans anziehen – nicht nur einmalige Großevents.

Gina Lückenkemper, Tatjana Pinto & die deutschen Meisterschaften

Am Ende des Interviews wird es auch persönlich: Dethloff äußert sich deutlich zur Kritik an Gina Lückenkemper. "Sie war doch in den letzten Jahren das Aushängeschild. Ohne sie, was wären wir gewesen? Man müsste ihr den roten Teppich auslegen, egal was sie macht – und nicht zusammenscheißen, weil sie mal 11.2 läuft statt 11.0."

Bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund würde er gerne Tatjana Pinto sehen – allerdings ist unklar, ob sie starten wird, da sie seit Oktober 2024 für Portugal international startet und die portugiesischen Meisterschaften zeitgleich stattfinden.

Fazit: Ein Interview mit klarer Haltung

Dethloff polarisiert mit seinen Aussagen, keine Frage. Aber er tut es aus Überzeugung – und mit klarem Ziel: "Meine primäre Zielgruppe, für die ich mir den Arsch aufreiße, sind die Athleten und die guten, qualifizierten Trainer. Dafür mache ich das."

📍 Timestamps für das vollständige Interview

  • 00:00 – Intro & Begrüßung
  • 01:05 – Claus' Karriere als Hammerwerfer: Von Olympia bis zur Bundeswehr
  • 04:07 – Der Übergang vom Sport zur Psychologie
  • 08:30 – Wie Germany Athletics entstand
  • 11:37 – Was macht Claus am meisten Freude? Athleten mit Spaß am Sport
  • 13:52 – Die Resonanz auf Germany Athletics: Widerstand und Erfolge
  • 16:15 – Die Vision: Deutschland wieder zur Leichtathletik-Nation machen
  • 19:08 – Die Idee einer Liga-Struktur für regelmäßige Wettkämpfe
  • 1:08:24 – Master-Athleten als Markenbotschafter nutzen
  • 1:09:33 – Was läuft gut bei Germany Athletics?
  • 1:12:58 – Mohammed Abdi Lai: 4 deutsche Rekorde seit dem Wechsel
  • 1:13:01 – Deutsche Hallenmeisterschaften in Dortmund
  • 1:14:30 – Gina Lückenkemper: Warum sie den roten Teppich verdient
  • 1:16:33 – Eric Hille: Ein Athlet, der durch alle Raster fällt
  • 1:17:19 – Verabschiedung & Ausblick

Deine Meinung ist gefragt!

Was denkst du über Claus Dethloffs Vision für die deutsche Leichtathletik? Kann Germany Athletics die Sportart im Land wieder attraktiver machen? Schreib uns deine Meinung in den Kommentaren oder auf Instagram: @auslaufen_podcast

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